Wie alles begann

Der Bewegungsdrang wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt; gemäss meinen Eltern beschäftigte ich diese bereits vor meinem 1. Geburtstag mit den ersten Gehversuchen und vielen “Erkundungsreisen”. Keine Leiter und kein Klettergerüst waren zu hoch, um so spannender war es auch, Rutschbahnen im “verkehrten Sinne” zu erkunden: Die Rutsche hoch und die Treppe herunter – dass das ganze “Kopf voran” erfolgte, versteht sich von selbst. Meine Eltern wurden dadurch anscheinend “traumatisiert”, zumindest darf ich mir meine Expeditionen manchmal auch heute noch anhören 🙂

Mit 4 Jahren schloss ich den ersten Kontakt mit Kunstturnen beim TV Lenzburg, von da an ging meine sportliche Entwicklungsreise mit Siebenmeilen-Stiefeln voran:

  • Wechsel im Alter von 5 Jahren ins regionale Leistungscenter in Niederlenz.
  • Aufnahme ins schweizerische Nachwuchskader Kunstturnen Frauen.
  • Wechsel ins Regionale Leistungszenter Ostschweiz (mit viiiiielen Pendlerfahrten und Staustunden über 2 Jahre – danke Mama).

Doch wie so oft spielt das Leben nach eigenen Regeln und es kam anders als gedacht: Nach zwei Kniescheibenverletzungen in den Jahren 2010 und 2011 musste ich meinen Traum vom Kunstturnen aus Vernunftsgründen im Frühling/Sommer 2011 relativ rapide beenden. Es begann eine (schwierige) Zeit der Rehabilitation und der sportlichen Abstinenz.

Zeit für Neues – der Umbruch

Nach der ersten Ernüchterung erwachte in mir der Kämpferinstinkt und ich wusste, ich WILL zurück in die Welt des Sports. Die Kriterien waren relativ einfach zu definieren:

  • Es muss Knie-schonend sein.
  • Die Sportart sollte sich nach Möglichkeit drinnen wie draussen ausführen lassen.
  • Es darf mir nicht langweilig werden.
  • Es MUSS sich um eine olympische Disziplin handeln.

Nach einer ersten Grob-Sichtung verschiedener Sportarten (dem Internet und youtube sei gedankt) wie beispielsweise Sportklettern (langweilig), Rudern (langweilig), Schwimmen (langweilig) und Karate (langweilig) bin ich beim Wasserspringen gelandet und habe es bis heute nicht bereut. Viele Elemente des Kunstturnens kommen mir beim Wasserspringen zu gute; insbesondere die Athletik mit der Körperspannung und die Akrobatik mit der damit verbundenen Körperbeherrschung. 

Nach meinem Start bei den Springern des Schwimmclubs Aarefisch wurde ich noch im Herbst 2011 ins Regionale Kader der Wasserspringer aufgenommen. Von da an ging es zügig voran und ich machte sehr schnell Fortschritte. Nach der Überwindung anfänglicher Hemmungen, kopfüber Sprünge auszuführen – was im Kunstturnen mitunter relativ ungesund ist – war die Weiterentwicklung nicht mehr zu bremsen; bald tagtäglich festige ich gelerntes und wage mich vorzu an neue, schwierigere Sprünge. 
Seit rund 4 Jahren bin ich nun bei den Wasserspringern und geniesse die Sprünge, die kameradschaftliche Atmosphäre, die entstandenen Freundschaften und erlebten Erfolge in vollen Zügen. Der Wechsel der Sportart hat sich für mich als Glücksgriff herausgestellt und ich arbeite weiter intensiv an der Verwirklichung meiner Träume. 

Die bisherigen Höhepunkte meiner noch jungen Wasserspring-Karriere waren nebst einem äusserst erfolgreichen Jahr 2015 die Teilnahme an den Jugend-Weltmeisterschaften 2014 in Penza (RUS) sowie das Erreichen eines Podestplatzes an den Junioren-Europameisterschaften 2015 in Moskau (RUS) mit der zugehörigen Bronze-Medaille. Es erfüllte mich mit Stolz, unsere Landesfarben an diesen Grossanlässen zu vertreten und ich hoffe bzw. arbeite intensiv daran, dass dies nicht meine einzigen Auftritte an gewichtigen Wettkämpfen auf internationalem Parkett bleiben!

Die Erkenntnis

Mein nicht ganz gradliniger Werdegang hat mich gelehrt, nie aufzugeben und mit grossem Willen die gesetzten Ziele zu verfolgen. Für jede Türe, die sich schliesst, öffnen sich in der Regel eine oder mehrere Türen, die man vorher nicht bewusst wahrgenommen hat. Meine damalige Trainerin hat mir zur Zeit der Verletzungspausen gesagt:” Michelle, es gibt ein Leben nach dem Kunstturnen!” Sie hatte recht behalten, es gibt tatsächlich ein Leben nach dem Kunstturnen – ein Leben mit Wasserspringen 🙂

Zum Schluss möchte ich Euch noch ein japanisches Sprichwort mitgeben, welches mich über die letzten Jahre begleitet hat:

Fall seven times, stand up eight.

Denn es kommt meistens anders, als man/frau denkt …

Michelle Heimberg, Wasserspringerin aus Leidenschaft